Vergangenheitsbewältigung im Kirchenkreis Ostholstein

Besser spät als nie – Die evangelisch-lutherische Kirchenkreissynode Ostholstein beschloss auf ihrer Tagung am 5. Mai 2017 eine Erklärung, in der es u.a. heißt:

„Die Synode des Ev.-Luth. Kirchenkreises Ostholstein empfindet Scham darüber, dass sich die ehemaligen Evangelisch-Lutherischen Landeskirchen im Raum Ostholstein während der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus schuldig gemacht und zu menschenverachtenden Gräueltaten der Nazi-Herrschaft geschwiegen haben. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Eutin hat in den Nachkriegsjahren die Stuttgarter Schulderklärung nicht unterstützt, sich nicht eindeutig vom Unrecht distanziert und die eigene Rolle in der öffentlichen Unterstützung der Nazi-Ideologie bisher nicht kritisch aufgearbeitet. Sie hat sogar aktiv ideologisch belastete Pastoren in den Kirchenkreis aufgenommen ohne zu verlangen, dass dieses ich deutlich vom nationalsozialistischen Gedankengut distanzieren.

Die Synode des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Ostholstein bittet all jene um Vergebung, die in ihrem Bemühen um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in unserer Region durch Amtsträger unserer Kirche nicht nur zu wenig unterstützt, sondern sogar behindert wurden und teils erhebliche persönliche Nachteile in Kauf nehmen mussten.“

Pressemitteilung:

https://www.kirchenkreis-ostholstein.de/nachrichten/detail/nachricht/synode-bittet-um-vergebung.html

Wortlaut der Erklärung:

https://www.kirchenkreis-ostholstein.de/fileadmin/user_upload/baukaesten/Baukasten_Evangelisch-Lutherischer_Kirchenkreis_Ostholstein/Dokumente/Synodenerklarung-im-Wortlaut.pdf

Zeitreise – DER SPIEGEL 13/1963 (27.03.1963) mokiert sich über Verhältnisse in der damaligen Eutiner Landeskirche:

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/45142853

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E-Dissertationen zu Migration und Wiedergutmachung (1918-1960)

Ernst: Die schleswig-holsteinische Amerika-Auswanderung und Rückwanderung in der Zeit der Weimarer Republik (Bochum 2002)

http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/ErnstHeike

Pusch: Politisches Exil als Migrationsgeschichte: Schleswig-Holsteiner EmigrantInnen und das skandinavische Exil 1933-1960 (Flensburg 2003)

http://www.zhb-flensburg.de/dissert/pusch

Scharffenberg: Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Schleswig-Holstein dargestellt an Flensburger Fallbeispielen (Flensburg 2000)

https://www.zhb-flensburg.de/fileadmin/content/spezial-einrichtungen/zhb/dokumente/dissertationen/scharffenberg/wiedergutmachung.pdf

Beyer: Wiedergutmachung oder enttäuschte Hoffnungen? Die Entschädigung von NS-Opfern in Stormarn nach dem Zweiten Weltkrieg (Hamburg 2012)

http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2014/6910/pdf/Dissertation.pdf

Zeitschrift „Abgestaubt“ – Ausgabe 4 (2016)

Nicht nur der Landtag beschäftigt sich dieser Tage mit dem Nationalsozialismus und dem Umgang mit ihm in der Nachkriegszeit, auch im vierten Heft der Zeitschrift „Abgestaubt – aus den Archiven in der Nordkirche“  widmen sich mehrere Beiträge diesem Thema:

http://www.archivnordkirche.de/files/landeskirchliches_archiv/downloads/Abgestaubt%20-%202016%20DC%20Layout%202.pdf

Neben archivfachlichen Nachrichten und Informationen sind darin enthalten:

  • Benjamin Hein (Landeskirchliches Archiv Kiel): „Der Nachlass Wolfgang Baader im Landeskirchlichen Archiv Kiel – Ein Nationalsozialist und Antikommunist als Leiter des Presseverbandes der Landeskirche Schleswig-Holstein“ (S. 10-13)  – Der gelernte NS-Propagandist Baader leitete den Presseverband von 1952-1981. Seine Einstellungen und Arbeitsmethoden scheinen durch den „Zusammenbruch“ 1945  keine tieferen  Einschnitte erfahren zu haben. Baaders Aktivitäten sowie den verschiedenen Affären, die in Heins Text nur angerissen werden können, ist eine eingehende Untersuchung dringend zu wünschen. Zum Streit um die sog. „DFU-Pastoren“ in den frühen 1960er Jahren ist mir beispielsweise bekannt, dass dieser auch auf Fehmarn hohe Wellen schlug und liberale Kirchenvertreter vorort vom damals stramm nationalkonservativen „Fehmarnschen Tageblatt“ hart angegangen wurden. Zum Baader-Nachlass im Landeskirchlichen Archiv an sich sagt Hein leider kaum etwas – insofern führt die Überschrift etwas in die Irre. Der Leser kann nur vermuten, dass das, was im Text gesagt und abgebildet wird, den Archivalien des Bestandes entnommen ist.
  • Ebenfalls von Benjamin Hein: „Franz Tügel – ein Hamburger Landesbischof im Nationalsozialismus und ambivalenter Charakter“ (S.  21-24)
  • Stephan Linck (Studienleiter der Evangelischen Akademie der Nordkirche) „Wie die Kirche die Judenverfolgung unterstützte – Die Altonaer Judenkartei“ (S. 36-60) – In meinen Augen ist dieser Text fraglos eine Pflichtlektüre. Einmal mehr wird deutlich, dass „Sippenforschung“ im Dritten Reich alles andere als unpolitisch war. Zum späteren Leugnen von NS-Beteiligungen liefert Linck eine bezeichnende Episode (S. 56), die ich mir hier zu zitieren erlaube: „1946 erhielt das Kirchenbuchamt Altona eine Anfrage, die vom Archivamt der EKD in Hannover ausgegangen war. Essei bekannt, dass während der NS-Zeit „Judenregister” angefertigt und an die NS-Behörden weitergegeben worden seien. Um sich eine Übersicht zu verschaffen, bat das Archivamt um Mitteilung, wo derartige Register angefertigt bzw. abgegeben worden waren. Als Propst Hildebrand die Anfrage an das Altonaer Kirchenbuchamt weiterleitete, wurde die Existenz derartiger Listen mit der Bemerkung „Fehlanzeige” verneint. Der Schriftwechsel wiederum wurde ordentlich in der Akte „Sippenkanzlei” abgeheftet, in der die wiederholte Abgabe der Altonaer „Judenliste” dokumentiert ist.

Landtag SH diskutiert NS-Vergangenheit früherer Abgeordneter und Regierungsmitglieder

Ende April wurden die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive“ im Landtag SH vorgestellt. Am vergangenen Freitag beriet hierüber der Landtag.

Vorgesehen war eine Beratungszeit von 35 Minuten:

http://www.landtag.ltsh.de/export/sites/landtagsh/infothek/wahl18/plenum/rfolgeberat/2016/rb_18-048_12-16.pdf

Zur parlamentarischen Diskussion schreibt die Seite des Landtags:

http://www.landtag.ltsh.de/plenumonline/archiv/wp18/48/debatten/53.html

Einen Vorbericht lieferte shz.de. Ihm ist u.a. zu entnehmen, dass der vom IZRG erstellte Forschungsbericht nun im Januar als Buch unter dem Titel „Landespolitiker mit Vergangenheit“ erscheinen soll:

http://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/der-landtag-diskutiert-ueber-sein-dunkles-erbe-id15612166.html